Direkt zum Inhalt
Nanakusa

Die Sieben Gräser des Herbstes (秋の七草) sind ein wiederkehrendes Motiv in der klassischen japanischen Dichtung. Sie finden sich häufig in den Versen des Manyōshū, der ältesten Sammlung japanischer Lieder und Gedichte. In der später entstandenen Hofanthologie Kokinshu werden Darstellungen dieser Herbstgräser zu Sinnbildern der Kultur des Heian-Japans (784 bis 1185) – auf eine Weise, die allein durch Malerei nicht hätte wiedergegeben werden können. Mit kraftvoller und zugleich verdichteter Sprache fangen die Dichter die feinen Nuancen von Leben und Liebe ein, während Naturbilder und Blumen die wandelnden Jahreszeiten innerer Empfindungen widerspiegeln wie beispielsweise in den Sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji 富士三十六景 甲斐大月の原  : Kai Ōtsuki no Hara  / Date: 4th month horse year 1858

Nanakusa05
Creative Commons license: Sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji : Kai Ōtsuki no Hara  / Date: 4th month horse year 1858

Die Wirkung der Herbstgräser, die schon damals tiefe Gefühle hervorriefen, liegt in ihrer besonderen Schönheit, die stets von einem Hauch Melancholie durchdrungen ist. Mehr als die Blüten irgendeiner anderen Jahreszeit entfalten die vom Regen gereinigten und vom Wind geneigten Herbstgräser eine stille, doch ergreifende Anmut – eben jene Art von Schönheit, die in der Teezeremonie als Inbegriff der Blumen gilt. 

🍂 Gedicht aus dem Manyōshū (8. Jh.)

Nanakusa01
Tanabata shichi-shu with morning glory

Japanisch (im Waka-Stil):
秋の野に 咲きたる花を 指折りかき数ふれば 七種の花  
萩の花 尾花 葛花 瞿麦の花 女郎花 また藤袴 朝貌の花

Transliteration (Romaji):
Aki no no ni  
sakitaru hana o  
yubi-ori kaki kazoe reba  
nanakusa no hana  

Hagi no hana,  
obana, kuzubana,  
nadeshiko no hana,  
ominaeshi,  
mata fujibakama,  
asagao no hana.

Die deutsche Übersetzung:
In den herbstlichen Feldern –
Blumen blühen leise.
Zähle sie an meinen Fingern –
sieben sind es, die da blühen.

Buschklee (Hagi), Pampasgräser (Obana), Kudzu (Kuzubana),
Wildnelke (Nadeshiko), Patrinia (Ominaeshi),
Fieberkraut (Fujibakama) und Morgenglöckchen (Asagao) –
die sieben Blumen des Herbstes.

Yamanoue Okura (660 bis 733); Manyoshu: 8:1537-8

Das verbindende Motiv dieser sieben Blumen ist das „Pathos der Dinge“, auch bekannt als mono no aware, was sich mit „Empfindsamkeit gegenüber den Dingen“ oder „Mitgefühl für die Vergänglichkeit“ übersetzen lässt.

Auffällig ist, dass die Chrysantheme in dieser Auswahl fehlt. Sie besitzt jedoch ihren eigenen Platz im Jahreskreis: Am neunten Tag des neunten Monats wird mit dem Fest Kiku no sekku eigens an sie gedacht.

In der heutigen Zeit beginnt in Japan der Herbst am 8. August. Das Nanakusa der Ikenobo-Schule wird traditionell am 7.7. dem Tanabata Fest arrangiert. Im alten japanischen Kalender ging der Herbst vom siebten bis zum neunten Monat, was das frühe Datum für das Nanakusa erklärt. In der Regel ist in Japan die Vegetation im Vergleich zu unseren Breitengraden einen Monat vorraus und da in unseren Regionen und so früh im Jahr manches Material (wie z.B. die blühenden Rispen des Miscanthus) nur sehr schwierig bis gar nicht zu bekommen ist, können auch Alternativen verwendet werden, wie hier im Arrangement mit Sorghum halepense, Schneebeere, Prunkwinde, Dill und Bartnelke.

🌾 Die sieben Blumen des Herbstes (秋の七草, Aki no Nanakusa)
1. 萩 Hagi (Buschklee, Lespedeza)
• Symbol für Zartheit und Vergänglichkeit
• Oft das erste Gras, das mit dem Herbst assoziiert wird
2. 尾花 – Obana (Miscanthus, Silbergras/Pampasgras)
• Federleichte Blütenähren, Sinnbild für Wind und Bewegung
• Steht für „Leerheit“ und die Schönheit des Unscheinbaren.
3. 葛 – Kuzu (Kudzu, Knabenkraut)
• Rankende Pflanze, Symbol für Ausdauer und Lebenskraft 
• In der Ikebana-Tradition wird sie auch als energetische Verbindung verstanden.
4. Nadeshiko (Japanische Nelke, Dianthus superbus, Wildnelke)
• „Liebliches Mädchen“ – Symbol für Reinheit und Anmut
• Im Teeweg ein Sinnbild für Zartheit und Demut
5.    女郎花 – Ominaeshi (Patrinia, Maiden Flower, Goldbaldrian)
• Bedeutet wörtlich „die Blume, die Frauen beschämt“
• Verkörpert Anmut und feminine Schönheit
6. 藤袴 – Fujibakama (Eupatorium, Boneset, Wasserdost)
• Wörtlich „Wisterien-Hakama (Gewand)“. 
• Ein eleganter Herbstbote, der seltener zu sehen ist und in Tee-Arrangements sehr geschätzt wird.
7. 桔梗 – Kikyo (Chinesische Glockenblume, Platycodon grandiflorus) bzw. ist als Asago die Prunkwinde (Ipomorea) gemeint
• Steht für Treue und Beständigkeit
• Ihre fünfblättrige Blüte symbolisiert die fünf Elemente.

Die Ballonblume wird besonders gerne im Ikebana verwendet. Als Schnittblume ist sie bei uns nicht erhältlich, aber wer einen Garten besitzt, kann sie einfach kultivieren. Selbst im Balkonkasten übersteht sie den Winter in unseren Breitengraden inzwischen gut und blüht mit ihren ausdrucksstarken Blüten lange Zeit und ergiebig. Im folgenden Arrangement zeigt sie sich zusammen mit Blättern des Sorghum halepense in Form eines Shōka Maze-ike.

Nanakusa03

Auch im Shōka Shimpūtai kann sie in Kombination mit anderen Materialien – hier mit Perückenstrauch und Miscanthus – ihren freundlichen Glanz entfalten.

Nanakusa04

 

Kategorie